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Psychologie im Plakat: Die Macht des Unbewussten in der Politik

Triebmotive wie Angst und Unzufriedenheit, Hoffnungen, sowie eigene Befindlichkeiten der Parteien finden ihre Manifestation in den Wahlplakaten. Im weitesten Sinne könnte man die Plakate auch mit einem Rorschach-Test vergleichen, bei dem die potenziellen Wähler ihre Wünsche, Bedürfnisse und Ängste hineinprojizieren, um sich dann – je nach Wählertypus – für eine dem eigenen Naturell und der eigenen Persönlichkeitsstruktur entsprechenden Partei zu entscheiden. Durch Plakate und deren Botschaften stimulieren Parteien gewollt oder oft ungewollt das individuelle und kollektive Unterbewusstsein. Welche bewussten oder verdrängten Wünsche und Affekte stecken nun hinter den Wahlbotschaften der politischen Bewegungen?

Die ÖVP setzt auf die Kanzlerrolle im konservativen Segment mit leichter assoziativer Reminiszenz an die einstige klare werbetechnische Linie von Sebastian Kurz. Der Regierungschef Karl Nehammer wird in voller Pracht "Für unser Land" beworben und pfeift gleichzeitig ein "Kanzler-Match" an. Eine klare Linie, die den Rezipienten wenig überfordert und bei der Kernzielgruppe sicher ankommt. Fest steht, der Kanzler will am Bestehenden festhalten. Bleibt zu hoffen, dass es sich nicht um eine Zwangshandlung handelt.

Andreas Babler von der SPÖ setzt auf sein "Herz und Hirn". Ob die kognitive oder die emotionale Facette in Bablers Psychodynamik dominiert, werden wir im Laufe des Wahlkampfes erleben. Projektiv analysiert versteckt sich die Kernproblematik der SPÖ im Herz-und-Hirn-Dilemma. Denn auf beiden psychometrischen Dimensionen besteht anscheinend tiefenpsychologisch gesehen politischer Entwicklungsbedarf.

Die höchste Varianz der Aussagen, jedoch ebenso auf Kraut-und-Rüben-Niveau – von adaptierten Bibelzitaten "Euer Wille geschehe" über Datingplattform-Assoziationen "Dein Herz sagt Ja" bis hin zu Lotterielos-Sprüchen "5 gute Jahre" – hat die FPÖ. Für den einstigen Redenschreiber von Jörg Haider besteht eindeutig Luft nach oben, um aus dem infantilen Stadium herauszukommen, wenn es sich nicht um eine paradoxe Intervention handelt.

"Wähl, als gäb's ein Morgen" ist hoffentlich kein bewusst gewähltes positives Mantra für die Grünen, damit es eben jenen Morgen nach der Wahl politisch betrachtet für die Grünen noch gibt oder es zumindest nicht zu einem bösen Erwachen am Tag nach den Urnengängen kommt. Das Unbewusste kennt keine Verneinung und somit ist die Werbekampagne der Grünen psychostilistisch jedenfalls professionell gemacht.

Beate Meinl-Reisinger ist "Die Reformkraft" und schlägt in Sachen Posing bei weitem ihre männliche Konkurrenz. Ob es sich hier um das Phänomen der Kompensation oder wahren Kompetenz handelt, wird der Wähler am Wahltag entscheiden. Die Macht des Unbewussten ist nicht zu unterschätzen, denn das Plakatierte ist nur die Spitze des mentalen Eisberges.

 

Daniel Witzeling ist Psychologe, Sozialforscher und Leiter des Humaninstituts Vienna.

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