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Wer Menasse zustimmt, kennt Wiens Geschichte nicht

Wie man jüngst dem Internet und anderen Medien entnehmen konnte, hat ein Herr Menasse in einer an Herrn Blümel gerichteten Botschaft einen mit kühnen Behauptungen versehenen Kommentar zur herannahenden Wahl formuliert. Die zugegebenermaßen etwas vage Absichtserklärung "Wien wieder nach vorne zu bringen", hat Herrn Menasse offenbar erzürnt. "Was ist vorne" wird von ihm nachgefragt; ob es sich um die Zeit vor dem "roten Wien" handeln könne, wird von ihm nachgefragt; "als die Stadt einen antisemitischen Bürgermeister hatte, von dem Hitler lernte", wie Herr Menasse noch anfügt.

Weiters wird von Herrn Menasse erläutert, daß es "so gut wie alles, was Wien heute so lebenswert macht, unter einer Christdemokratischen bzw. ÖVP-Regierung nicht gegeben hätte": es hätte keinen sozialen Wohnbau gegeben (denn Christdemokraten hätten nie gezeigt, daß sie in Wien bauen können), keine U-Bahn, keine Stadterneuerung, etc. ... .

Wenn man sich mit der Geschichte Wiens ein bißchen beschäftigt hat, muß man geradezu zu gegenteiliger Ansicht kommen. Beispielsweise: Die bis heute zentralen Linien der "U-Bahn" Wiens sind in den Jahren der Regierung eben jenes Christlich-sozialen und von Herrn Menasse als "antisemitisch" apostrophierten Bürgermeisters Karl Lueger (1897-1910), nämlich 1898, eröffnet worden; das Hauptverdienst dafür gebührt dem damaligen kaiserlichen Eisenbahnminister, wobei der Bau von Bürgermeister Lueger tatkräftig unterstützt wurde.

Vom "roten Wien" kann hier nur insofern die Rede sein, als es später beinahe sämtliche der alten wunderbaren Stations- und Brückenbauten Otto Wagners abgerissen hätte. "Stadterneuerung" auf sozialistisch.

So gut wie alles, was Wien heute so lebenswert macht, ist ein Erbe der Habsburgischen und der Katholischen Vergangenheit. Den Wienerwald haben die Christlich-Sozialen vor dem Kahlschlag durch liberale Raubbaupolitik bewahrt. Die Zweite Hochquellwasserleitung, durch welche die qualitativ hochwertige Wasserversorgung Wiens bis heute maßgeblich gesichert ist, hat Bürgermeister Karl Lueger erbaut.

Die ersten Ansätze für einen sozialen Wohnbau in Wien stammen übrigens auch von Lueger. Wahrscheinlich hätte er diesbezüglich noch viel mehr gemacht, hätte er länger gelebt und regiert. Die architektonisch ansprechenden Gemeindebauten der 1920er und 1930erJahre stammen fast alle von Schülern Otto Wagners, sind also eigentlich kaiserzeitliches Erbe; jener Otto Wagner, der übrigens ebenfalls von Karl Lueger unterstützt und gefördert wurde und zu den großen Architekten der Baugeschichte zählt.

Die alptraumhafte Hässlichkeit des "sozialen" Wohnbaus, die wir seit den 1950erJahren flächendeckend über die Stadt gebreitet sehen, das ist in der Tat ganz pur das "rote Wien". Und ja: Hitler, der angeblich von Lueger "gelernt" hat --- als Hitler begann, politisch zu agieren, da war Lueger schon lange tot.

Dr. Albert Pethö, Historiker und Publizist, lebt in Wien.

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