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Historischer Analphabetismus

Der auch unter Maturanten und Akademikern immer mehr verbreitete historische Analphabetismus fördert die Enteuropäisierung und die Entwicklung einer Parallelzivilisation. Im Geschichte-Unterricht der AHS-Oberstufe werden Fragen nach verbindenen europäischen Traditionen und nach den Unterschieden zu anderen Kulturen und Zivilisationen immer mehr ausgeblendet.

In der 5. Klasse der AHS stehen laut Lehrplan ca. 25-30 Unterrichtsstunden im Schuljahr für die Zeit vom Beginn der Antike bis zum Beginn der Neuzeit(!) zur Verfügung. Die Kompentenzenpädagogik führt zu einem Verschwinden des Wissens/der Inhalte und somit zu einem Geschichteunterricht ohne Geschichte. Der Latein- und der Religionsunterricht werden nicht mehr von allen Schülern gewählt.

Jugendliche, die sehr wenig Wissen über die griechische und die römische Antike sowie über die Geschichte des Judentums und des Christentums, über die geistigen Fundamente Europas und über die lern- und lehrethischen Traditionen des Umgangs mit Wissen, mit anderen Menschen und mit sich selbst erwerben, treten aus der Geschichte Europas und somit aus der kulturellen und zivilisatorischen Tradition aus. Es fehlt ihnen die Identifikation mit dem europäischen Sonderweg.

Viele von ihnen werden heimatlos und orientierungslos. Das macht sie anfällig gegenüber den moralisierenden Beurteilungen der professionellen Enteuropäisierer, die ihre "Gesinnung über die Urteilskraft" stellen und eine "freie bürgerliche Gesellschaft" ablehnen.

In Europa hat sich eine Tradition entwickelt, die es den Bürgern ermöglicht, ihren eigenen Weg (individuelle Freiheit unter dem Recht, "Verträge sind einzuhalten"!) zu gehen. Privates Eigentum (mit Rechtstitel), erspartes Kapital, Kapitalbildung und Bargeld(!) sind mit Selbstbestimmung, mit Eigenverantwortung, mit Eigenleistungen, mit produktiven Investitionen, mit technischen Neuerungen, mit Produktivität und mit einem Wohlstand für ALLE verbunden worden.

Der Weg vom Mythos zum Logos führte Europa zur Wissenschaft (zum aufgeklärten Alltagsverstand), die nach der Wahrheit von Aussagen im Bewusstsein dessen strebt, dass es Irrtümer, Kritik und Widerlegung gibt, die als Impulse für Lernprozesse im Wettbewerb (als Entmachtungs- und Entdeckungsverfahren) im Rahmen der wissenschaftlich-technischen Zivilisation wirken.

Wissenschaftler können in Europa auch gläubige Menschen sein, aber es gibt eine europäische Tradition mit einer "Teilung der Macht", mit der Trennung der Religion vom Rechtsstaat und von der Politik.

Historische Analphabeten können die Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen und Zivilisationen nicht erkennen. Es fehlt ihnen das Orientierungs- und Strukturierungswissen über den "europäischen Weg". Wie sollen sie eine Rückkehr der Religion ins Recht und in die Politik verstehen und in ihren Folgen beurteilen können?

Josef Stargl ist AHS-Lehrer in Ruhe und ein Freund der Freiheit.

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